Die Märkte haben seit geraumer Zeit Schwierigkeiten, geopolitische Risiken einzupreisen. Ein Teil des Problems besteht darin, dass jeder neue Konflikt tendenziell als einmaliges Volatilitätsereignis betrachtet wird, das es zu überstehen gilt und das dann nach der Beilegung des Konflikts wieder verschwindet.
Heute besteht das geopolitische Risiko jedoch nicht mehr nur aus einer Reihe isolierter Ereignisse. Es ist ein prägendes Merkmal einer zunehmend fragmentierten, multipolaren Welt (mehr dazu in unserem langfristigen Ausblick 2025 mit dem Titel „Das Zeitalter der Fragmentierung“). Multinationale Institutionen funktionieren nicht mehr so zuverlässig wie früher. Die Stabilität erodiert.
Mehr denn je prägt die Geopolitik direkt Handelsströme, Lieferketten, Industriepolitik, Energiesicherheit, Verteidigungsausgaben, Fiskalpolitik, Inflation und Wachstum. Mit anderen Worten: Geopolitik ist heute ein essenzieller ökonomischer Faktor. Folglich spielt sie auch bei Anlageentscheidungen eine zunehmend wichtige Rolle.
Passive Anlagestrategien eigneten sich gut für eine Welt mit geringem geopolitischem Risiko, üppigen Zentralbankbilanzen und geringer Volatilität. Diese Welt existiert aber nicht mehr. Stattdessen ist ein Umfeld entstanden, das Risiken ungleich verteilt – wodurch es in verschiedenen Ländern, Sektoren und Anlageklassen klare Gewinner und Verlierer gibt.
Um diese Verteilung zu managen, ist Flexibilität erforderlich: die Fähigkeit, einzelne Wertpapiere zu rotieren, anzupassen und Verschiebungen auszunutzen – all das, was ein passiver Index konstruktionsbedingt nicht leisten kann. Unserer Ansicht nach sind agile, branchenübergreifende Ansätze in diesem Umfeld am besten geeignet, da es von entscheidender Bedeutung sein wird, Risiken objektiv zu bewerten. Erfolgreichen Anleger müssen über verschiedene Sektoren, Wertpapierarten und Liquiditätsprofile hinweg Optionen zur Verfügung stehen, um die besten risikoadjustierten Anlagemöglichkeiten zur Erzielung von Erträgen auswählen zu können.
Beginnen wir mit den Ausgangsbedingungen
Es ist verlockend, die jüngste konfliktbedingte Volatilität aus der Perspektive des Jahres 2022 zu betrachten, als Russland in die Ukraine einmarschierte. Der Energieschockt traf damals eine nach der Pandemie entstandene Weltwirtschaft, die von aufgestauten Ungleichgewichten geprägt war, während die Anleihenrenditen nahe historischer Tiefstände lagen. Als die Inflation stieg, wurden sowohl Aktien als auch Anleihen verkauft, die Korrelationen zwischen den Anlageklassen schnellten in die Höhe, und die Diversifizierung schien gerade dann zu versagen, als sie am dringendsten benötigt wurde.
Der größte Unterschied zwischen damals und heute sind die Anfangsrenditen. Die Anleihenrenditen sind heute wesentlich höher als im Jahr 2022, was Anlegern einen deutlich größeren Spielraum bietet. Das Ergebnis: Festverzinsliche Wertpapiere demonstrierten selbst in den jüngsten Krisenzeiten eine größere Fähigkeit, Schocks abzufedern.
Setzen Sie auf Streuung
Geopolitische Volatilität betrifft nicht alle Länder oder Anlageklassen gleichermaßen. Die allgemeine Marktentwicklung – oder das Beta – spielt eine geringere Rolle, wenn sich Gewinner und Verlierer immer deutlicher voneinander abheben.
Geopolitische Fragmentierung belohnt Selektivität. Dies lässt sich heute beispielsweise in Schwellenländern beobachten, wo die Unterscheidungs- und Resilienzgrenzen zunehmend zwischen Energieexporteuren und -importeuren gezogen werden (mehr dazu in unserem mittelfristigen Ausblick vom März 2026 mit dem Titel „Vielschichtige Unsicherheit: Konflikte, Kreditrisiken und KI“).
Gezielte Instrumente zur Inflationsabsicherung
Seit Beginn des Nahostkonflikts ist die Inflation eine der größten Sorgen der Märkte. Das unterstreicht die Bedeutung, die inflationsindexierte Anleihen in Portfolios haben können. In den USA können beispielsweise inflationsgeschützte Staatsanleihen (TIPS) ein wirksames Instrument sein. Allerdings ziehen sie in volatilen Zeiten auch gelegentlich Kritik auf sich: Steigen die realen (inflationsbereinigten) Renditen, können die Kurse längerfristiger TIPS aufgrund des Zinsrisikos trotzdem fallen – selbst dann, wenn die Inflationsrisiken zunehmen.
Ansätze, die auf kurzfristige inflationsindexierte Anleihen und gezieltere Instrumente wie Inflations-Swaps setzen, können den Inflationsschutz von Portfolios verbessern. Dadurch lässt sich die Inflationsbekämpfung besser isolieren, während gleichzeitig die Sensitivität gegenüber Renditeschwankungen gesteuert werden kann.
Halten Sie Ausschau nach Chancen im Rohstoffsektor.
In den vergangenen Monaten verhielt sich eine Anlageklasse weitgehend so, wie es die Theorie vermuten lässt: Rohstoffe, deren Notierungen im Zuge steigender Inflationserwartungen große Schwankungen und oft auch deutliche Gewinne verzeichneten.
Wichtig ist, dass übermäßige kurzfristige Volatilität tendenziell zu einer Anpassung der Risikoprämien führt, also der Höhe der Entschädigung, die Anleger für bestimmte Risiken erhalten. Im Rohstoffsektor hat dies enorme langfristige Chancen eröffnet, insbesondere für Anleger, die sich auf den Relative Value konzentrieren – beispielsweise über Rohstoffkurven und die Korrelationen zwischen verschiedenen Rohstoffen hinweg –, anstatt auf direktionale, also gleichgerichtete Wetten zu setzen.
Fazit: Resilienz aufbauen für eine Ära geopolitischer Instabilität
Um die Widerstandsfähigkeit zu stärken, sollten Anleger Portfolios aufbauen, die sich sowohl an episodische Schocks als auch an strukturelle Veränderungen in einem stärker geopolitisch geprägten Marktumfeld anpassen können.
In kurzen Zeiträumen, insbesondere in Stressphasen, können Korrelationen zwischen verschiedenen Anlageklassen verzerrt erscheinen, und die Diversifizierung scheint nur schwierig umzusetzen zu sein. Doch wenn Portfolios auf langfristige Widerstandsfähigkeit ausgelegt sind, kann sich die Diversifizierung wieder durchsetzen.
Flexible Multi-Sektor-Strategien – dynamische Anleihenfonds und ertragsorientierte Portfolios – sind exakt auf das heutige Umfeld zugeschnitten. Diese Strategien können auf Streuung setzen, gezielte Maßnahmen zur Inflationsminderung verfolgen und Relative Value realisieren.
Wir leben in einer Zeit, die Anpassungsfähigkeit belohnt und fehlende Flexibilität bestraft. Flexibilität ist heutzutage nicht mehr nur ein Merkmal einer guten Portfoliozusammenstellung. Sie ist die Strategie.